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Vom Sarglager zum Immoshop

Jeden Tag gehe ich durch die Friedrich-Wilhelm-Straße in Duisburg-Mitte zu meinem Arbeitsplatz. Natürlich ist mir schon aufgefallen, dass das ein Haus mit Geschichte ist, welches ich da regelmäßig betrete. Aber noch nie habe ich mir wirklich Gedanken darüber gemacht, wer in den letzten Jahrzehnten hier bereits ein- und ausgegangen ist und welche Geschichten das Gebäude erzählen kann. Also begebe ich mich auf Spurensuche.

 

Das Haus wurde tatsächlich bereits 1895 erbaut. Das ist das Jahr, in dem Fontane seine "Effi Briest" veröffentlichte und die weltweit erste Filmvorführung vor einem geschlossenen Publikum in Paris stattfand. Das ist ein Jahr, bevor in Duisburg die erste elektrische Straßenbahnlinie in Betrieb genommen wurde und drei Jahre vor der Enthüllung des Reiterstandbildes von Kaiser Wilhelm I auf dem Kaiserberg. Kurz, lange, lange her. Und jetzt bin ich hier!

 

Wenn ich mir die Fassade anschaue, sehe ich den Einfluss des architektonischen Trends in diesem Jahrzehnt; charakteristische Jugendstil-Elemente wie pflanzliche und geometrische Formen und Tendenzen zum Ornamentalen. Wunderschön. Ich sollte öfter mal den Blick nach oben schweifen lassen!

 

Seit den 70iger Jahren hat mein Arbeitgeber, die Armin Quester Immobilien GmbH, in diesem Wohn- und Geschäftshaus ihren Sitz.  Auf den alten schwarz-weiß Bildern aus dieser Zeit erinnern mich parkende Autos wie der gute alte VW-Käfer an schöne Kindheitstage. Sogar Schnee liegt da auf der Straße. Das waren noch echte Winter!

 

Kleiner Seitenblick: Armin Quester kam 1953 aus Berlin nach Duisburg, weil hier die Kaufkraft groß und die Stadt fürs Immobiliengeschäft attraktiv war. Er startete als Einzelunternehmer und bewohnte eine kleine 2-Zimmerwohnung am Buchenbaum, die zugleich als Büro diente. Da kam es schon mal zu amüsanten Begegnungen, zum Beispiel an jenem Tag, an dem bereits ein Kunde im Wohnzimmer stand als Herr Quester im Pyjama aus dem Schlafzimmer trat. Das tägliche Treppensteigen in den 4. Stock - es gab keinen Aufzug - brachte den jungen Unternehmer schnell dazu, das Rauchen aufzugeben. Das erste Haus zu verkaufen dauerte dagegen ein ganzes Jahr lang!

 

Nach einer Zwischenstation am Kuhlenwall, hier gab es bereits die ersten Mitarbeiter, zog das Immobilienbüro an seinen jetzigen Standort. Zunächst gab es ausschließlich Büros in der ersten Etage der Friedrich-Wilhelm-Straße 7, im Jahr 1975 fand dann eine Erweitertung ins Erdgeschoss statt und der heutige Immobilienshop entstand.

 

Aus den Hausakten erfahre ich, dass an dem Platz, an dem jetzt mein Schreibtisch steht, zuvor ein Sarglager untergebracht war, denn vor dem Umbau befand sich das Bestattungsunternehmen Völker in diesen Räumen. Das ist irgendwie gruselig, aber auch hochspannend.

 

Im alten Grundbuch ist noch die Rede von Goldmark, die auf den Kaufmann Völker zukam. Die Rechnungen für den Umbau sind in DM ausgestellt. Jetzt rechnen wir mit dem Euro. Unternehmungen und Währungen haben sich in den 125 Jahren immer wieder gewandelt. Die Menschen sind geblieben.

 

Fotos: Friedhelm Krischer und Verena Meyer für die Armin Quester Immobilien GmbH

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