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Ein Heim zum Malen

In der Alten Fabrik Neudorf wurde einst geschuftet. Nun ist dort neues Leben eingekehrt:

Ich gehe von der Mülheimer Straße aus durch die etwas schäbige Unterführung in den Hinterhof. Auf der rechten Seite liegt der Zutritt zu einer Erwachsenen-Videothek. "Eingang nur ab 18 Jahren", steht in roten Lettern auf dem Glas. Die Tür aber ist längst verschlossen. Liebes-VHS und Sex-DVDs sind Geschichte. Jetzt versammeln sich in der dunklen Ecke nur noch Papierfetzen und vertrocknetes Laub.

 

Ich trete aus der Unterführung ins Licht. Eine Rampe führt links aufs Garagendeck. Liebevoll bedacht vom alten Baum, der schützend seine Zweige ausbreitet. Auch unten Garagentüren, hübsch aufgereiht und durchnummeriert wie eine grüne Armee. An Samstagen erwachen hier die ollen Kofferradios zum Leben und scheppern Bundesligaergebnisse in den Hof. Dann wird gewerkelt, gewaschen und gefachsimpelt.

 

Um die Ecke begegnen mir die ersten Minis und Kids in weißen Karateanzügen. In der USC Fachschule wird fleißig trainiert. Das ist wunderbar, denn so bleibt es immer lebendig hier.

Als ich die Tür zum ehemaligen Fabrikgebäude aufschließe, höre ich bereits das Schlagwerk hämmern. Im Proberaum unten wird kräftig musiziert. Das liebe ich. Diese Atmosphäre, wenn sich hinter jeder Tür Kreativität entfaltet. Egal in welcher Form.

 

Ich steige die alten, knarzenden Treppen hinauf in den ersten Stock. Vorbei an Kunst und Klo, am Studio von Alex und der Werkstatt von Ingo und gelange durch den dämmrigen Flur zum Atelier, schließe die Tür auf und trete in einen lichtdurchströmten Raum. Hier ist es, mein "malheim"! Fenster zu beiden Seiten, bunt gefleckter Betonboden von den Versuchen mit Acryl.

 

Ich atme tief ein. Genieße. Schaue hinaus. Die Sonnenliege auf dem Dach gegenüber ist heute verwaist. Es regnet. Die Pfützen spiegeln die Balkone vom Nachbarhaus auf der Wasseroberfläche wider. Ich koche mir einen Kaffee - der Duft vermischt sich mit dem der Farben -, ziehe meine Arbeitsklamotten an und stelle mich vor die Staffelei ...

 

Ja, es ist ein freier Tag, in einem Hinterhof, hier im Revier! Ich summe: "What a wonderful world ..." und beginne zu malen.

Fotos von Verena Meyer

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