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Die kleine Siedlung

Neugierig gemacht durch die Kindheitserinnerungen von Helmut Neuwinger in seinem Büchlein "Die kleine Siedlung - Eine Bergmanns-Idylle", mache ich mich auf nach Beeckerwerth, der kleinen Insel im Rheinbogen, heute ein Duisburger Stadtteil im Stadtbezirk Meiderich/Beeck.

 

Ich parke an der Haus-Knipp-Straße und bin ab sofort mitten in der Geschichte des Stadtteils von heute und in der Siedlung von damals, die Neuwinger in verklärter Form aus den Augen des Kindes beschreibt: Die Siedlung mit der efeuumrankten Kirche in der Mitte, von den Bewohnern liebevoll "Dom", genannt, dem Marktplatz davor, um den Pappeln und Rosskastanien stehen ...

Das "Haus Knipp", nach dem die Straße benannt ist, war einmal der mittelalterliche Herrensitz der adeligen Familie von Stecke. Das "Schloss", auf einer Sandbank gebaut, soll mit dem Dorf Halen versunken sein. Dass aber der Strudel, den man dort öfter gesehen haben will, von den Gebäuderesten verursacht wurde, und dass aus dem Strudel die Glocke der versunkenen Kirche zu hören sei, wie man behaupte, sei unwahrscheinlich. Richtig ist aber, dass dieses Haus Knipp einmal in der Nähe der Rheinbrücke stand und der Rheindeicherhöhung zum Opfer fiel.

 

Die Eisenbahnbrücke führt 2 km nördlich des abgerissenen Hauses Knipp über den Rhein. Sie wurde zwischen 1910 und 1912 errichtet und ihr Mittelteil war zu dieser Zeit mit 186 m der weitgespannteste Fachwerkträger Europas. Als die Lok über das Mittelstück dröhnt, rattert es dunkler. Unter dem Kessel funkelt die Glut, schreibt Neuwinger, ... jetzt ist der Zug schon drüben ... Das Stahlgerippe schwebt wieder ruhiger am Himmel. Die Brücke - heute Teil der Route Industriekultur - war und bleibt ein Faszinosum und ein Wahrzeichen der Stadt.

Ich verweile eine Zeit lang am Rhein, betrachte die Streuobstwiesen zur einen Seite des Damms, deren Idylle einen schönen Kontrast zur dahinterliegenden Industrie bildet. Auf der anderen Seite schillert das Wasser des Flusses, auf dem die Schiffe vorbeiziehen. Die Schafe haben sich unter die Brücke in den Schatten geflüchtet. Lämmer blöken nach ihrer Mama.

 

Dass dieses gewaltige Wasser bis auf eine Fahrrinne zufriert, Eisschollen gegeneinander mahlen und es unter dem Eis gedämpft gurgelt, ist heute eher nicht mehr zu erleben. Aber die Kleingärten, die gibt es noch. Hier wird immer noch gewerkelt und geerntet.

Und dann, wieder landeinwärts, komme ich in die ehemalige Bergbausiedlung, die hier im Jahr 1916 von der Gewerkschaft Friedrich Thyssen für die Arbeiter der Zeche Beeckerwerth angelegt wurde und die seit 2000 unter Denkmalschutz steht. Diese kleine Siedlung mit den niedrigen Häusern aus rotbraunem Backstein, an der Krümmung des großen Stroms, umgeben von saftigen Wiesen, auf denen Schafherden ziehen.

 

Ein bisschen von Neuwingers Kindheits-Idylle ist noch zu spüren, wenn man durch die Straßen streift. Da gibt es liebevoll angelegte Vorgärten, die von Rosen, Geranien und Gartenzwergen geziert werden. Und es gibt die Hinterhöfe, aus denen auch heute noch das Geschrei spielender Kinder und der Geruch der Grillkohle vom pulsierenden Leben an Sommertagen erzählt.

Jedoch schallt heute keine Pfeife mehr über die Dächer und ruft die Bergleute zur Schicht. Seit 1963 ist das Bergwerk geschlossen. Nur beim SV Beeckerwerth, den die Bergleute 1925 gründeten, wird bis heute Sport getrieben. Und vielleicht wird ja auch noch ab zu gemeinsam zum Akkordeon gesungen, wie es das Relief auf dem Bunker in Beeckerwerth zeigt. Das jedenfalls taten die Nachbarn noch in den 50ern, wenn sie gemeinsam auf den Treppen vor der Haustür oder im Kreise auf den stillen Plätzen saßen.

Fotos: Verena Meyer

Buchtipp: Helmut Neuwinger: Die kleine Siedlung - Eine Bergmanns-Idylle, Verlag OsirisDruck, Leipzig 2020

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Kommentare: 2
  • #1

    Helmut Neuwinger (Dienstag, 02 Juni 2020 15:38)

    Die Autorin des Artikels trifft die Gegebenheiten sehr genau mit viel Sachverstand und Feingefühl, einer guten Auswahl der Beispiele und Bilder.
    Informativ und kurzweilig, eine gute Kombination!

  • #2

    Johannes Feldmann (Dienstag, 02 Juni 2020 22:29)

    Haus-Knipp-Straße - direkt am Deich. Da wohnt seit neun Jahren meine Tochter Antje, die Autistin, die voller Überzeugung sagt, dass Autisten "schräg" sind. Ich glaube, da ist was dran.
    Und sie wohnt sehr gerne da - direkt neben der Schafwiese, auf der die Tiere ununterbrochen blöken.
    Ja, es hat was!
    (Und ein Getränkehandel ist auch in der Nähe. Und da gibt's bestimmt auch ein volles Bierfass, welches man mitnehmen kann. Siehe Helmuts Buch... :-) )