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Das Stehkragenviertel

Mein Mann wurde 1965 in Duisburg-Hamborn geboren. Gemeinsam machen wir einen Ausflug in das Viertel, in dem er aufgewachsen ist:

 

Erste Station ist die Preußenstraße 47. Hier verbrachte er seine ersten Lebensjahre. Die Straße gehört neben der Bayernstraße im Norden und den drei Nord-Südverbindungen Mecklenburger-, Schleswiger- und Holsteiner Straße zum sogenannten "Stehkragenviertel". Aber warum bekam das Viertel diesen Namen?

Durch die Industrialisierung wuchs Hamborn kräftig und wurde 1911 offiziell zur Großstadt. In nur zehn Jahren war die einstige Gemeinde um 75.000 Menschen reicher und wurde zum „größten Dorf Preußens“. Logisch, dass so eine große Gemeinde neuen Wohnraum brauchte. Am Randes des Jubiläumshains - einer großen Parkanlage - entstand daher dieses bürgerliche Wohnviertel. Weil es allerdings hauptsächlich für die Besserverdienenden, die Kommunalbeamten und die Zechen- und Stahlmitarbeiter in höheren Positionen gedacht war, bekam es im Volksmund den Namen "Strehkragenviertel".

 

Und dieses Viertel war das kleine, große Revier von Karstens Kindheit. Hier hat er Fußball gespielt und ist durch die Hinterhöfe gestreift, die zu dieser Zeit noch nicht durch Zäune voneinander abgetrennt waren. Hier ist er in der heiligen Mittagspause durch erbost schimpfende Nachbarn vertrieben worden, hier haben sich die Freunde und er aus Holzlatten Hockeyschläger gebaut und sich die Knie aufgeschürft. Mein Mann erzählt mit glänzenden Augen: "Auf dieser Mauer habe ich als Dreijähriger gesessen." Freilich sieht sie jetzt anders aus. Aber die Erinnerungen sind lebendig. Und ein Fotodokument gibt es auch noch:

Wir streifen weiter durch die Schleswiger Straße. Die wunderbaren Häuser zeigen noch immer, dass es hier mal herrschaftlicher zuging. Und an fast allen Häusern finden sich Schilder der Wohnungsgenossenschaft Duisburg Hamborn e.V. Sie war es, die seit ihrer Gründung 1909 an der Entstehung des Viertel maßgeblich beteiligt war und auch lange ihren Verwaltungssitz hier hatte. 1932 wird sie vom Preußischen Minister für Volkswohlfahrt als gemeinnützig anerkannt.

 

Und sogar mit dieser Genossenschaft ist Karstens Familie, in diesem Fall leider unrühmlich, verbunden. Sein Großvater Friedrich Quabeck, so erzählt er mir, war in dieser Zeit Mitglied der NSDAP. Unter seiner Regide wurden Vorstands- und Aufsichtratmitglieder der Genossenschaft verhaftet, ihres Amtes enthoben bzw. "im Interesse der Gleichschaltung beurlaubt". "Die Aktion wurde von dem zum Kommissar ernannten Pg. Friedrich Quabeck durchgeführt", so steht es auch in Band 29 der Duisburger Foschungen. Karsten - heute Geschichtslehrer - setzt sich mit diesem Erbe auseinander und kämpft dafür, dass sich solche Dinge nicht wiederholen.

Im Jahr 1967 zieht die Familie an die Mecklenburger Straße 3, gleich um die Ecke. Der naheliegende Jubiläumshain bleibt Ziel für sonntägliche Spaziergänge. Bereits im Jahr 1908 ausgebaut, bestand die Ausstattung des Parks damals aus einem Spiel-, Fußball- und Faustballplatz, einer Rollschuhbahn, einem Rosengarten, einem Konzertplatz, sowie einer Erfrischungshalle. Ein wunderbarer Tummelplatz für die Kinder. "Seinen Namen erhielt er anlässlich des Regierungs-Jubiläums Kaiser Wilhelm II. im Jahre 1913", erzählt Karsten.

 

An die Häuser in der Mecklenburger Straße erinnert er sich auch noch genau. Einige Schulfreunde wohnten hier. Die Fassaden sind mit wunderschönen Jugendstil-Verzierungen versehen. Eine hat sogar einen eigenen Brunnen. "Der war noch in Betrieb, als ich klein war", schwärmt mein Mann, "der Mund spie Wasser in hohem Bogen aus."

Unsere letzte Station ist die Bayernstraße. Auch hier gibt es an den Fassaden Erinnerungen an alte Zeiten: "In schwerer Zeit voll Not und Tot, ist dieses Haus erbaut, Kartoffelbrot aß jedermann, den Tag 250 Gramm.", erinnert eine Inschrift an den 1. Weltkrieg. Auch Spuren des 2. Weltkrieg gab es vor ein paar Jahren noch an einer Hauswand. Ein Zeichen verwies darauf, dass sich im Gebäude ein Schutzkeller befand, in den man sich bei Bombenangriffen retten konnte. Das ist allerdings nicht mehr zu finden.

Unser kleiner Streifzug durch das Viertel endet hier. Aber es lohnt sich, wieder zu kommen.

 

Fotos: Verena Meyer, Album der Familie Quabeck

Quellen: Duisburger Forschungen, Band 29, S. 134; Website der Wohnungsgenossenschaft Duisburg Hamborn

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