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Reif für die Halbinsel

Ich gebe es zu. Seit 20 Jahren lebe ich in Duisburg und habe mir diesen Stadtteil noch nie wirklich angeschaut. Ok, das Städtische Tierheim ist mir bekannt. Doch sonst ...

 

Deshalb habe ich mich heute mit einem echten Fachmann verabredet, der mir alles über Neuenkamp erzählen kann: Manfred Osenger, bereits seit 1989 mit Herz und Seele für den Wahlkreis Duisburg Altstadt West mit den Stadtteilen Neuenkamp und Kaßlerfeld zuständig, 1. Bürgermeister der Stadt Duisburg und erster Stellvertreter des Oberbürgermeisters!

 

Ich fahre mit dem Rad zu unserem Treffpunkt und bin zum ersten Mal erstaunt: Nur 10 Minuten brauche ich aus der Innenstadt in das Zentrum von "New Kamp City". Im Hafengebiet entlang der Essenberger Straße lacht mich mein Gastgeber vom Wahlplakat aus an. Neuenkamp ist "sein" Stadtteil. Hier wurde er geboren, hier ist er aufgewachsen und hier ist er tief verwurzelt.

Wir treffen uns in der Bäckerei direkt neben dem Supermarkt. Hier, wo früher einmal die Zeche Java stand, ist nun das Nahversorgungszentrum von Neuenkamp. Und zwar sowohl das für Lebensmittel als auch das für wichtige Neuigkeiten und ein nettes Pläuschchen mit den "Inselbewohner*innen". Ja, Neuenkamp ist in der Tat so etwas wie eine Halbinsel, eingeschlossen von Hafen, Rhein und der Autobahn A 40.

 

Ich begegne Herrn Osenger in trauter Runde unter dem Sonnenschirm sitzend, bekomme direkt einen Stuhl dazugestellt und einen Kaffee serviert. Das ist schon einmal ein herzliches Willkommen! Ich erfahre, dass Neuenkamp einmal aus lediglich 3 Höfen bestand und nun ca. 5.000 Einwohner*innen zählt. Alles hat irgendwie Dorfcharakter. Man kennt und mag sich hier!

 

Drei Kindergärten gibt es noch, allerdings nur noch eine Kirche und das ist die der Mormonen. Direkt neben deren Gemeinderäumen ist auf Initiative des Bürgermeisters die Allee der Jahresbäume gepflanzt worden, u. a. mit der Hainbuche, dem Baum des Jahres 1996. Darauf ist Herr Osenger stolz.

Die Worte "darauf bin ich stolz" fallen auf unserer gemeinsamen Tour durch den Stadtteil des Öfteren und das zu Recht. Ich bin beeindruckt, was hier geschaffen wurde, und zwar für alle, egal ob jung oder alt, klein oder groß.

 

Da ist zum Beispiel das Wohn- und Servicezentrum "Dietrich-Krins-Weber". Hier können Senior*innen in fußläufiger Nähe zur Einkaufsstraße als auch zum Rheindeich leben. Dafür, erzählt Osenger lachend, konnte er bei Horst Günther - Politiker aus Rheinhausen und zu dieser Zeit noch parlamentarischer Staatssekretär unter Norbert Blüm - Bundesmittel locker machen.

 

Aber auch Kinder und Jugendliche kommen nicht zu kurz. Die Kleinen durften sich ihren eigenen Spielplatz gestalten. Für die Teenager gibt es das Jugendzentrum und den durch Osenger gegründeten Jugendförderverein "New Kamp City", bei dem er den stellvertretenden Vorsitz innehat. Und da, wo die katholische Kirche rückgebaut wird, bekommt der Kindergarten Zaubersterne seinen Platz.

Mit dem Auto machen wir eine Erkundungstour durch die vielfältigen Siedlungen von Neuenkamp. Da gibt es zum einen die alte Bergmannssiedlung, die bald 100 Jahre alt wird und in welcher "der kleine Manni" aufwuchs. Alle Straßen sind nach Orten des Saarlandes benannt, da viele der Bergmänner aus Saarbrücken hierher kamen: Völklingen, Sulzbach, Dillingen und Co sind so verewigt worden.

 

Dann gibt es die Peter-Maaßen-Siedlung, welche nach dem Krieg die größte Einfamilienhaussiedlung war, die in Eigenleistung durch Arbeiter entstand. Von hieraus sieht man sogar den Stadtwerketurm, das heimliche Wahrzeichen von Duisburg.

 

Last but not least bestaune ich die Diergardtsiedlung, direkt am Rande des Parallelhafens gelegen und von den Einheimischen liebevoll "Blutwurstkolonie" genannt. Wie dieser Spitzname entstand, weiß Osenger nicht so genau, dafür aber, das es sich hier sehr ruhig und familienfreundlich leben lässt. Das kann ich verstehen. Fast wähnt man sich in einer Ferienhausanlage irgendwo im Süden. Ihre Ursprünge hat die Siedlung allerdings in der Zeche Diergardt III, Schacht Franz Ott, die von 1912 bis 1963 hier in Betrieb war.

Weiter gehts durch die Lilienthalstraße, welche nicht nur an den Flugpionier erinnert, der als erster erfolgreich und wiederholbar Gleitflüge mit einem Flugapparat durchführte, sondern auch daran, dass es sogar hier einmal einen Flugsportplatz gegeben hat. Am 8. Juni 1910 versuchte sich der Duisburger Karl Strack mit seinem selbst gebauten Eindecker an seinem ersten Motorflug. Dabei erreichte er die bescheidene Flughöhe von etwa 3 Metern. Zwei Jahre später gründete er besagten Flugsportplatz in Neuenkamp. Von dort aus gelang es ihm, das Kaiserdenkmal in Duisburg-Duissern in 200 Meter Höhe zu umkreisen. Der Flugplatz wurde 1957 geschlossen. Allerdings heißt die Kleingartenkolonie noch "Alter Flugplatz".

 

Durch den Butterweg gehts dann zum Rheinufer. Auch diese Idylle gehört zum Stadtteil. Im 16. Jahrhundert richtete man am Ufer des Rheins sogar eine Fähre zum gegenüberliegenden Essenberg im heutigen Stadtteil Homberg ein. Daran erinnert allerdings nur noch der Name von Neuenkamps Hauptstraße.

Am Ende meiner Führung bin ich ganz beseelt von all den Eindrücken, die ich gewonnen habe und von der Gastfreundschaft, die ich hier erfahren durfte. Und eines weiß ich ganz gewiss: Ich war vielleicht das erste, aber nicht das letzte Mal in Neuenkamp.

Fotos: Verena Meyer

Ein herzlicher Dank geht an Manfred Osenger!

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Kommentare: 2
  • #1

    Manfred Osenger (Donnerstag, 06 August 2020 13:53)

    Sehr geehrte Frau Meyer,
    vielen lieben Dank für den ausgezeichneten Artikel.
    Sie sind in Neuenkamp immer herzlich willkommen!
    Freue mich auf ein Wiedersehen.
    Liebe Grüße
    Manfred Osenger

  • #2

    Verena Meyer (Sonntag, 09 August 2020 10:39)

    Lieber Herr Osenger,
    es war mir eine große Ehre und hat viel Freude gemacht.
    Auf bald.
    Verena Meyer