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Straßen der Hauptstadt

Als die Mauer fiel, war ich 21 Jahre alt und Studentin der Politikwissenschaft an der Ruhr Universität Bochum. Bis heute ärgere ich mich darüber, dass ich an jenen Tagen nicht nach Berlin gefahren bin, um hautnah Teil eines wahrlich historischen Ereignisses zu sein. Nun ist das Ganze 30 lange Jahre her. Und mal wieder feiern wir den Tag der Deutschen Einheit. Einfach irre.

 

Meine Kindheit und Jugend war geprägt durch das Aufwachsen in einem geteilten Deutschland. Lange Jahre hatte ich eine Brieffreundin in der DDR. Zu jedem Weihnachtsfest gab es zunächst lange Wunschzettel, dann liebevoll zusammengestellte Dankespäckchen aus dem Osten. An den Geruch der Geschenke erinnere ich mich noch genau. Aber was es hieß, in einer Diktatur zu leben, blieb trotzdem wenig greifbar.

 

Im November 1985 dann machten wir eine Klassenfahrt ins geteilte Berlin, sahen die Mauer mit eigenen Augen, fuhren mit der S-Bahn über die Friedrichstraße nach Ost-Berlin. Erlebten, wie wir von Grenzern kontrolliert und von Volkspolizisten verscheucht wurden, um bloß kein Foto vor dem verschlossenen Brandenburger Tor zu machen. Liefen durch Kaufhäuser, in denen wir verzweifelt versuchten, unser eingetauschtes Geld loszuwerden. Aber es gab kaum etwas, das wir hätten erstehen können. Die Häuser waren grau, die Straßen trist, die Menschen nicht ansprechbar. Das Erlebnis war beängstigend und bedrückend.

Vor kurzer Zeit dann erhielt ich diese Bilder in unserer Whatsapp-Gruppe "Abi 88". Sie dokumentieren, wie sich meine Klassenkameraden Peter und Rainer damals heimlich auf einem Teil der Grenzsperranlage Niederkirchner Straße verewigt haben. "Ein Hoch auf die Europaletten, die als Leiter fungierten", schreibt Peter, der jetzt selbst Lehrer und mit seiner eigenen Klasse in Berlin ist. Und als Antwort kamen Kommentare wie: "Die Sprühdosen haben wir im KaDeWe gekauft", "Wir sind jetzt Teil des Museums ..." und "Wenn wir damals gewusst hätten, dass wir ein bleibender Teil der Geschichte werden ...". Ja, wenn wir das gewusst hätten ...

28 Jahre später flaniere ich in einem wiedervereinten Deutschland über die Mühlenstraße und schaue mir die East Side Gallery an. Was damals ein grauer Schrecken war, ist nun eine bunte Touristenattraktion. Das Brandenburger Tor ist offen. Keiner kontrolliert mehr, ob ich Fotos mache oder von was. Es herrscht Freiheit mit allen Vorzügen und allen Verantwortungen. Das ist ein gutes Gefühl und ein echter Grund zum Feiern. Vielleicht sollten wir trotz aller Aufgaben, die es noch zu tun gibt, dankbar sein. Einfach so. Und uns erinnern, dass wir aktiver Teil der Geschichte sind. Immer wieder.

Fotos Niederkirchner Straße: Peter Landwehr

Fotos Münzstraße: Karsten Quabeck

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