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Am Rand der Landstraße

Das Theater an der Ruhr wurde 1980 als ein Theater neuen Typs gegründet, als Versuch, eine ganz eigene Antwort auf die klassischen Inhalte und Strukturen von deutschem Stadttheater zu finden. Für die Gründer Roberto Ciulli, Helmut Schäfer und Gralf-Edzard Habben standen dabei drei wesentliche Gedanken im Zentrum: Kunst geht vor Apparat, ein Ensemble, das wirklich alle Mitglieder des Theaters einschließt und die Idee des Reisens.

 

Der Sitz des Theaters im historischen Jugendstilgebäude am Raffelbergpark ist ein Ort für zeitgenössisches Theater und ein Denkraum der Diversität. So auch heute ...

 ... denn heute werden wir - das Publikum - zu Wandervögeln gemacht. Wir sitzen nicht im Theatersaal und schauen in eine Guckkastenbühne, wir verlassen den begrenzten Theaterraum und streichen mit dem Schauspieler Felix Römer "am Rand der Landstraße" entlang.

 

Der Gast am Theater Mülheim an der Ruhr vollführt mit uns einen Drama Walk. Die Natur vor der Haustür des Theatergebäudes und rund um den Raffelberg wird dabei zur eigentlichen Protagonistin der Aufführung.

 

Römer juchzt, springt, flucht und lacht seine Texte rezitierend durch Feld, Wald und Wiese und lässt uns zu Mitläufern und -denkern werden.

Vögel zwitschern über die Kopfhörer und in echt. Zufällig vorbeispazierende Passanten werden ungewollt zu Akteuren. Realität und Inszenierung verschwimmen und befruchten sich gegenseitig. Das ist ein herrliches Erlebnis.

 

Römers Figur ist der Wächter über diese Straße und diese Natur und wir, wir sind die Unschuldigen, die aber offensichtlich dennoch jede Menge Scheiß verzapfen. Die Spezialisten und Profis, die trotzdem keine Ahnung haben. Die, deren Welt nur noch aus Einsen und Nullen zu bestehen scheint und denen anscheinend die Augen geöffnet werden müssen. Römers Spiel und Handkes Text schaffen das. Sehr inspirierend.

Am Ende bekommt jede/r ein kleines Stück Inspiration mit auf den individuellen Weg. Ein Zettelchen mit einem Zitat. Als Erinnerung an diesen Nachmittag. Als Denkstütze für das eigene Handeln. Was auf meinem steht?

 

Beobachte nicht, prüfe nicht, sondern bleib geistesgegenwärtig bereit für die Zeichen. (aus: Handke, Über die Dörfer)

 

Danke!

Fotos: Verena Meyer

www.theater-an-der-ruhr.de

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